Vergleich Österreich – Schweizer Tourismus

Zwei Tourismusländer, unterschiedliche Erfolgsmodelle

Österreich und die Schweiz zählen zu den traditionsreichsten Tourismusländern Europas. Beide stehen für alpine Landschaften, hochwertige Hotellerie, Wintersport und Naturerlebnisse. Doch die aktuellen Kennzahlen verdeutlichen, wie unterschiedlich die beiden touristischen Systeme aufgestellt sind: Während Österreich vor allem durch hohe Nächtigungszahlen und eine starke Tourismusintensität geprägt ist, erzielt die Schweiz höhere Erlöse pro Zimmer und verfügt über eine breiter gestreute internationale Nachfrage.

Österreich punktet mit Volumen, die Schweiz mit Erträgen

Österreich ist im Tourismus stärker mengen- und volumenorientiert. Rund 628.000 klassischen Hotel- und Kurheimbetten stehen etwa 272.000 in der Schweiz gegenüber. Auch bei den Nächtigungen liegt Österreich mit 96,1 Mio. deutlich vor der Schweiz mit 43,9 Mio. Die Tourismusintensität ist mit 10,4 mehr als doppelt so hoch wie in der Schweiz mit 4,9.

Doch touristische Stärke lässt sich nicht allein an Betten und Nächtigungen messen. Im 4-Sterne-Segment liegt der Beherbergungsertrag pro Zimmer in der Schweiz bei rund 59.500 Euro, in Österreich bei 38.447 Euro. Auch beim Revenue per Available Room (RevPAR) liegt die Schweiz mit 171,95 Euro vor Österreich mit 145 Euro. Das zeigt: Die Schweiz erwirtschaftet aus weniger touristischem Volumen mehr Erlös pro Einheit.

Die Schweiz hat sich dynamischer erholt

Besonders interessant ist die Entwicklung seit 2019. Während Österreich bei den Nächtigungen in Hotels und Kurheimen 2025 noch 1,4 Prozent unter dem Niveau von 2019 liegt, hat die Schweiz dieses um 11,7 Prozent übertroffen. Damit hat sie ihre Position im klassischen Beherbergungsmarkt deutlich ausgebaut.

Das ist ein wichtiges Signal. Österreich ist zwar weiterhin ein touristisches Schwergewicht, aber die Schweiz scheint in der Erholung und Weiterentwicklung des Tourismusmodells derzeit dynamischer zu sein. Dafür sprechen nicht nur die Nächtigungszahlen, sondern auch die höheren Erlöse und die internationalere Nachfragebasis.

Österreich ist stark von Deutschland abhängig

Ein zentraler Unterschied liegt in der Herkunftsstruktur der Gäste. Österreich ist stark vom deutschen Markt geprägt. 37,2 Prozent der Nächtigungen entfallen auf Deutschland, gefolgt vom Inland mit 25,7 Prozent und den Niederlanden mit 7,2 Prozent. Diese stabilen, nahen und gut erschlossenen Quellmärkte sind ein Vorteil, schaffen gleichzeitig aber eine hohe Abhängigkeit von wenigen Herkunftsländern.

Die Schweiz verfügt über eine breiter gestreute Nachfrage. Fast die Hälfte der Nächtigungen entfällt mit 48,1 Prozent auf den Inlandsmarkt. Hinzu kommen Deutschland, die USA, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Italien, die Golf-Staaten und China. Diese breitere internationale Streuung macht den Schweizer Tourismus robuster gegenüber Schwankungen einzelner Märkte und ermöglicht zugleich eine stärkere Positionierung im hochwertigen internationalen Segment.

Höhere Preise, höhere Erlöse, andere Marktlogik

Die Schweizer Hotellerie arbeitet in einem Umfeld mit hohen Löhnen, hoher Kaufkraft und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Im Vergleich zu Österreich verfügt sie über weniger Betriebe und Betten, jedoch über größere durchschnittliche Betriebsstrukturen und höhere Erlöse pro Zimmer.

Österreich hat demgegenüber eine kleinteiligere, stärker familiengeführte und regional breiter verankerte Hotellerie. Diese Struktur ist ein großer kultureller und touristischer Wert, da sie Authentizität, regionale Identität und eine hohe Angebotsdichte schafft. Gleichzeitig erschwert sie Skaleneffekte, Professionalisierung und eine konsequente Preisdurchsetzung.

Die strategische Frage lautet daher nicht: Wer hat mehr Nächtigungen? Sondern: Wer erzielt aus seinem touristischen Angebot mehr Wertschöpfung?

Kosten bleiben in beiden Ländern ein kritischer Faktor

Bei den Kostenkennzahlen zeigen sich vergleichsweise geringe Unterschiede. Die Personalkostenquote liegt in Österreich bei 36,9 Prozent, in der Schweiz bei 38 Prozent. Beim Wareneinsatz liegt Österreich mit 13,9 Prozent über der Schweiz mit 12,5 Prozent. Deutlicher fällt der Unterschied bei der Energiequote aus: Österreich weist 5,3 Prozent auf, die Schweiz 3,6 Prozent.

Das verdeutlicht: Österreichs Hotellerie steht nicht nur auf der Erlösseite unter Druck, sondern auch auf der Kostenseite. Wenn Energie, Personal, Finanzierung und Instandhaltung steigen, reicht eine reine Nächtigungsstrategie nicht mehr aus. Es braucht höhere Durchschnittspreise, bessere Auslastungssteuerung, professionelleres Revenue Management und klarere Positionierungen.

Was Österreich vom Schweizer Tourismus lernen kann

Der Schweizer Tourismus zeigt, dass auch ein kleineres touristisches System wirtschaftlich sehr leistungsfähig sein kann, wenn Preisniveau, Markenstärke, internationale Nachfrage und Qualitätsversprechen zusammenspielen. Österreich sollte daraus nicht den Schluss ziehen, die Schweiz kopieren zu müssen. Dafür sind die Strukturen, Regionen und touristischen Traditionen zu unterschiedlich. Aber es lassen sich drei zentrale Handlungsfelder ableiten:

1. Wertschöpfung stärker in den Mittelpunkt rücken: Nächtigungswachstum allein ist kein ausreichendes Ziel mehr. Entscheidend sind Erlöse, Deckungsbeiträge, Investitionsfähigkeit und Produktivität.

2. Breitere Internationalisierung gezielt ausbauen: Die starke Abhängigkeit von Deutschland ist komfortabel, aber strategisch riskant. Märkte wie die USA, das Vereinigte Königreich, die Schweiz, Benelux oder ausgewählte Fernmärkte sollten stärker bearbeitet werden – nicht überall, aber dort, wo Angebot, Erreichbarkeit und Preisniveau zusammenpassen.

3. Die Hotellerie konsequenter professionalisieren: Klare Positionierungen, Investitionen in Qualität, Digitalisierung, Yield-Management, Mitarbeiterbindung und betriebswirtschaftliche Steuerung gewinnen an Bedeutung. Gerade im 4-Sterne-Segment entscheidet nicht mehr allein die Lage, sondern die Fähigkeit, aus Lage, Produkt und Marke einen höheren Erlös zu erzielen.

Fazit: Die Schweiz verdeutlicht, welches Potenzial in einer stärkeren Ertragsorientierung und einer breiter aufgestellten internationalen Nachfrage liegt. Für Österreich gilt es daher, die touristische Wertschöpfung durch gezielte Internationalisierung, klare Positionierungen und eine konsequente Professionalisierung der Hotellerie nachhaltig zu steigern.

 

 

Thomas Reisenzahn

t.reisenzahn@prodinger.at

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